Wer zum ersten Mal in die USA reist, wird von neuen Eindrücken geradezu erschlagen. Die prägendsten sind nachfolgend in Kurzform zusammengefasst.

Auto: Als gottgleich verehrtes Fortbewegungsmittel für alle Wege ab 20 Metern. Neben zahllosen Klapperkisten, bei deren Anblick selbst Schrotthändler müde abwinken, fahren vor allem Geländewagen durch die Gegend. Es ist regelmäßig ein Schauspiel, 1,50 Meter kleine Frauen bei 20-minütigen Klettertouren in die Fahrerkabine etwa eines gigantischen Dodge RAM 3500 Super Duty zu beobachten. Unser Dodge war ein Avenger und fungierte gleichzeitig als Kleiderschrank sowie mitunter als Schlafzimmer.

Büffelurin: Befindet sich in allen Verpackungen mit der Aufschrift „Budweiser“. Wem der Sinn hingegen nach Bier steht, der ist in Las Vegas am besten aufgehoben. Dort wird das Herumschlendern mit geöffneten Bierflaschen selbst auf der Straße toleriert, was das Heimweh nach Berlin deutlich lindert.

Couchsurfing: Bescherte uns neue Bekanntschaften und Schlafgelegenheiten für neun der 21 Urlaubstage. Vielen Dank an Greg in Denver, David in Las Vegas und Karl in San Francisco. Dank auch an den Couchsurfing-Host in Los Angeles für seine freundliche Ablehnung mit der Begründung, er sei leider nicht in der Stadt, hätte aber zu gern an Sebastians Füßen riechen wollen. Dieses vermeintliche Privileg hatte ich also drei Wochen lang exklusiv, was den Konsum sonstiger Rauschmittel fast unnötig machte.

Dunstglocke: Fast ständig über Los Angeles zu finden, wofür auch die Dauerstaus auf den bis zu achtspurigen Autobahnen verantwortlich sein dürften. Die Stadt selbst ist eher ein Moloch und keinen Besuch wert. Auch Hollywood ist ziemlich verranzt, und der Weg zum berühmten Hollywood-Zeichen erweist sich als besser gesichert als die Zufahrt zum Weißen Haus.

Eis: Zwar gibt es selbst in den winzigsten Lebensmittelgeschäften Eisbehälter in Badewannengröße zu kaufen, dennoch kam für uns nur „Ben & Jerrys“ in Frage. Etwa jeden dritten Tag vertilgten wir je einen knappen halben Liter mit den eigens aus Deutschland mitgebrachten Löffeln. Die Packungen sind nur halb so teuer wie in Deutschland, was einen der ausschlaggebenden Gründe für die Reise darstellte.

Fast-Food-Ketten & Diners: Anlaufpunkte morgens, mittags und abends. Unverständlich blieb die Eislust der Amerikaner: An Cola-Refill-Automaten füllen sie ihre Pappbecher grundsätzlich bis zur Oberkante mit Eiswürfeln, obwohl die Getränke bereits eine Temperatur nahe dem Gefrierpunkt aufweisen. Zero-Kalorien-Cola ist meist das Getränk der Wahl, um einen Ausgleich für die Mega-Menüs zu schaffen. In Diners kann man sicher sein, dass die Kellnerin die Rechnung im selben Moment auf den Tisch legt, in dem sich der letzte Bissen der Einfuhrluke nähert.

Gruselnacht: Halloween ist unter anderem dafür verantwortlich, dass sämtliche Süßigkeiten schon ab Anfang Oktober zu sehr unanständigen Preisen über den Ladentisch gehen. Ansonsten bereiten sich Amerikaner mit hoher Akribie auf die Festlichkeit am Abend vor. In den Clubs arbeiten bei der nächtlichen Feierei 95 Prozent der Anwesenden darauf hin, jemanden abzuschleppen. Ein unbedacht angelegtes Zombiekostüm inklusive gruselig geschminktem Gesicht sorgt dafür, dass man diesbezüglich unberücksichtigt bleibt, garantiert aber dafür bis zum Morgengrauen einen Ansturm fotobegeisterter japanischer Damen.

How are you?: Begrüßungsfloskel. Anfangs fühlt sich der USA-Neuling noch genötigt, die aktuellen Befindlichkeiten und Lebensverhältnisse in plastischen Sätzen zu schildern. Die Reaktionen (verständnisloses Starren, Blick auf die Armbanduhr, Augenrollen) führen recht bald dazu, die Details wegzulassen und das erwartete schnöde „Hello“ von sich zu geben.

Inglewood: Verrufener Kriminellenbezirk in Los Angeles mit wöchentlich teils zweistelligen Gewaltverbrechensraten. Gleichzeitig unsere Heimat für drei Nächte, nachdem ein Check der Motellage irrtümlich ausgeblieben war. Am Anfang waren die finsteren Blicke, die vergitterten Kassenbereiche bei McDonald’s und das gänzliche Fehlen von Touristen noch gewöhnungsbedürftig. Später schreckten wir dann aber nur noch aus dem Schlaf, wenn die Geräuschkulisse aus Polizeisirenen und Schusswechseln kurz verstummte.

Jetlag: Trotz aller guten Ratschläge („Wachbleiben!“) vorhanden. Obwohl man auf der Hinreise nach 27-stündiger Wachphase erst gegen ein Uhr ins Bett fiel, wurde das Nachtgewand noch vor dem Morgengrauen wieder gegen normale Bekleidung getauscht. Dafür stellte sich bereits gegen 16 Uhr eine Art Wachkoma ein. Der Jetlag legt sich nach wenigen Tagen, es sei denn, dass der Mitreisende generell mit fünf Stunden Schlaf auskommt und zu unchristlichsten Zeiten das Bett verlässt.

Kofferraum: Unbequeme Schlafgelegenheit für zwei Personen, auch in Verbindung mit der Rückbank. Kaum erholsam ist der Schlaf zudem, wenn im Auto null Grad herrschen und sich permanent fremde Knie und/oder Ellenbogen in den Körper bohren – zumal dann, wenn man der Reisebegleitung nur platonisch verbunden ist. Die Tatsache, dass im Arches National Park des Weiteren ständig Ranger, Touristen und allerlei Getier ins Fahrzeug starrten, verbannte dieses Nachtlager noch vor dem Einschlafen auf den letzten Platz in der Beliebtheitsliste.

Lenkbewegungen: Auf außerörtlichen Straßen im Mittleren Westen nicht erforderlich. Amerikanische Fernstraßen sind tatsächlich weitgehend kurvenfrei. Die beste Strategie: Tempomat rein und vom Beifahrer wecken lassen, sofern nach 50 Meilen oder mehr tatsächlich mal eine Abbiegung erscheint.

Motels: Vielleicht die beste Wahl, wenn es ans Übernachten geht. Nach einer Weile kennt der geübte Tourist auch die einschlägigen Codes. „Free continental hot breakfast“ besteht aus abgepacktem Fertigkuchen und Kaffee. Bei „No Breakfast“ gibt es immerhin noch Kaffee. Generell herrscht ein Mangel an Bettdecken, dafür liegen auf jedem Bett mindestens drei Kissen.

Nationalhymne: Wird bei ausnahmslos jeder Veranstaltung gegrölt. Der Patriotismus der Amerikaner kennt kaum Grenzen. Auch mit der Nationalflagge wird permanent herumgewedelt. Bei Sportevents werden zudem gern irgendwelche Militärheinis und Kriegsveteranen geehrt. Selbst die freiwillige Feuerwehr darf dann einige zackige Vertreter auf den Platz schicken, welche lautstark beklatscht werden.

Ortskundiger Führer: Wird in den Casinos von Las Vegas benötigt, um den Ausgang zu finden. Wer einmal drin ist, verliert dank dem völligen Fehlen von Uhren, Tageslicht und dergleichen schnell das Zeitgefühl und jegliche Orientierung. So schiebt man also morgens um acht Uhr mit einem Bier in der Hand bunte Chips über den Roulettetisch, während Dienstpersonal eifrig für alkoholischen Nachschub sorgt.

Police-Officers: Tauchen ständig aus dem Nichts auf. Nur echt mit Sonnenbrille und sehr resolut. Gegenüber deutschen Touristen aber auch nach Verkehrsvergehen noch freundlich und sogar zu Fotos bereit. Ein Strafticket gab es nicht.

Quatsch: … ist die Annahme, Amerikaner würden allesamt bis an die Zähne bewaffnet durch die Gegend laufen. Lediglich im Gunshop darf man Einheimische betrachten, die irre mit den Augen rollen und wahnhaft kichern, während sie darauf warten, spaßhalber für 119 Dollar 25 Schuss aus einer Maschinenpistole abfeuern zu dürfen.

Radiosender: Bilanz nach 3000 Meilen Überlandfahrt: Radiosender sind nur wenige Minuten lang klar zu hören, dann wird das Rauschen unerträglich. Eine Ausnahme bilden die zahllosen spanischen Stationen mit unerträglicher Tütelü-Musik. Greift ein Moderator zum Mikro, kann man getrost umschalten, denn es folgt mit ziemlicher Sicherheit ein halbstündiger Monolog. Ausnahme auch hier: Spanische Radiosender. Hier wünscht man sich sehnlichst einen Moderator, der die quälende Musikfolter unterbricht.

Sebastian: Jederzeit unkomplizierter, entspannter und pragmatischer Mitreisender. Danke.

Toilettenpapier: Außer in Privatwohnungen grundsätzlich maximal einlagig mit einer Blattdicke im Nanometerbereich. Sollte sich das Papier beim Anfassen einmal nicht auflösen, greift man nach achtmaligem Falten trotzdem noch durch. Nach drei Wochen Urlaub kann man es in puncto Falt- und Fingerfertigkeit problemlos mit jedem Origami-Großmeister aufnehmen.

Uebergrößen: Chipstüten in Form von Kohlesäcken und ähnliche Packungsgrößen sollten mit Vorsicht genossen werden. Beispiel: Eines Morgens griffen wir im Supermarkt jeder beherzt zu einem Sandwich mit Größe und Gewicht eines vierjährigen Knaben. Davon konnten wir uns dann auch mittags, abends und nachts noch ernähren. Speiseröhre und Magen verkrampften sich aber bereits ab dem Nachmittag bei jedem Bissen.

Vernünftige Bettdecken: Landesweit nicht vorhanden. Es werden stattdessen räudige Wolldecken gestellt, unter die ein Laken gelegt wird. Dreht man sich auch nur einmal im Bett, verheddert sich das Stoffgebilde unauflöslich mit den eigenen Gliedmaßen, und man hat bis zum Morgengrauen damit zu tun, sich zu befreien.

Weiden/Weiten: Unendlich. Pferde und Büffelgetier verfügen über Platzverhältnisse, von denen europäische Tierkollegen nur feucht träumen können. Meist verlieren sich zwei oder drei Artgenossen auf mehreren hundert Hektar Fläche. Dabei wirken die Tiere aber nicht wesentlich glücklicher: Sie trollen sich auf wenigen Quadratmetern, mümmeln Gras oder halten schlicht Maulaffen feil.

XXXXL: Gebräuchliche Kleidergröße. Unser neues Zwei-Personen-Zelt erntete einige begehrliche Blicke schlecht gekleideter Damen. Einen Gegenpol bildet der Muscle-Beach in Los Angeles: Hier wird nur das Nötigste mit einem winzigen Stoffteilchen bedeckt.

Yard, Ounce & Co.: Maßeinheiten wie diese verkomplizieren das Leben doch erheblich, verbessern aber die Kopfrechenkünste. Wer in den USA das metrische System beherrscht, gilt gemeinhin als Wissenschaftler.

Zu- und Einfahrten: Maßstabsgetreue Nachbildungen des Grand Canyons. Jedes Fahrzeug, welches auf den Parkplatz eines Supermarkts oder Fast-Food-Lokals zusteuert und länger als 50 Zentimeter ist (außer Hochräder), schleift in Zufahrten unweigerlich mit mindestens einem Teil über den Boden.

0 Beiträge zu “USA von A bis Z: Eine Greenhorn-Bilanz von Lutz Günther”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.