Hamburg, das selbsternannte „Tor zur Welt“, war für Sebastian und mich in diesem Jahr das Tor nach Australien, genauer gesagt nach Brisbane. Am 3. November hob der Emirates-Flieger um 21 Uhr ab in Richtung Dubai, unserem einzigen Zwischenstopp, den wir nach sechs Stunden erreichten.

Am drittgrößten Flughafen der Welt erwischte ich das wahrscheinlich einzige traditionelle Hock-Klo im ganzen Terminal, das im Grunde nichts anderes war als ein Loch im Boden. Mit Muskelkater in den Oberschenkeln und einer neuen Erfahrung ging es dann vier Stunden später in einem A380 weiter nach Brisbane. Rund 15 Stunden Nonstopflug sind wahrlich kein Vergnügen, aber die Vorfreude auf Australien ließ uns die Tortur einigermaßen überstehen.

Angekommen in Brisbane um 6.15 Uhr Ortszeit, brachte uns ein Taxi zur Mietwagenstation, wo ein Toyota Landcruiser auf uns wartete. Der Allrad-Riese mit den Fahreigenschaften eines Panzers und rund 350.000 Kilometern auf dem Tacho hatte augenscheinlich schon einiges mitgemacht. Mit uns sollte der Wagen noch weitere Eskapaden erleben, aber dazu später mehr. Jedenfalls gelang es uns, das Auto innerhalb von Sekunden bis unters Dach vollzumüllen, um uns im Anschluss in den australischen Linksverkehr zu stürzen. Da im Gegensatz zu deutschen Gewohnheiten auch Blink- und Scheibenwischerhebel vertauscht waren, ging es mit Dauerscheibenwischer zum Hostel, wo wir in einem Mädelszimmer einquartiert wurden, die schockierten Damen bei der Morgendusche überraschten, anschließend feststellten, dass wir die Zimmernummer verwechselt hatten, und schließlich im richtigen Raum landeten.

Da wir zwar hundemüde waren, aber zur Jetlag-Bekämpfung bis abends munter bleiben wollten, spazierten wir ein wenig durch die sonnige Zwei-Millionen-Metropole Brisbane, die sich für eine Großstadt erstaunlich relaxt präsentiert. Den kurzen Resttag verbrachten wir anschließend mit der Creme de la Creme der australischen Kleinkriminellenszene im Gesellschaftsbereich des Hostels: Blake hatte vor kurzem seinen Namen ändern lassen, weil er zu vielen Leuten Geld schuldete, Glenn präsentierte nicht ohne Stolz diverse Narben, die von einer Messerstecherei herrührten, und Raphael wurde nach eigenem Bekunden in seiner vorherigen Heimatgegend wegen exzessiven Drogenhandels von der Polizei gesucht. Unsere Zimmertür schlossen wir dann nachts lieber zweimal ab.

Am nächsten Morgen machten wir uns unter weiterhin ausgiebigem Einsatz des Scheibenwischers auf die kurvenreiche Strecke nach Noosa, unterbrochen von zwei kurzen Zwischenstopps bei Aldi und in den Glasshouse Mountains. Unserem Fahrzeug hatten wir mittlerweile den Namen Rumpelstilzchen verpasst, da es darin an wirklich jeder Ecke rumpelte und klapperte. Erst mit der Zeit legte sich das, da wir allmählich herausfanden, wie diverse Einrichtungen, beispielsweise die ausziehbare Küche, fachgerecht befestigt werden mussten.

„Noosa ist cool. Noosa ist lässig. Jeder liebt Noosa“, stand in unserem Reiseführer. Naja. Noosa ist vor allem ein bisschen langweilig, und vor allem Rentner lieben den Ort, aber wenigstens hat Noosa einen schönen Strand. Und zugegebenermaßen gibt es dort keine Hektik, wobei die Australier generell deutlich gechillter unterwegs zu sein scheinen als andere Landsleute. Was nicht für die Vogelwelt gilt: Zu jeder Tageszeit veranstalten immense Mengen von Vögeln in dieser Gegend einen ohrenbetäubenden Lärm, der erst mit Einbruch der Dunkelheit langsam abebbt. Wir nutzten den Rückgang des Geräuschpegels für unsere erste Nacht im Auto, welches dank Hochklapp-Dach ein Bett oben und ein Bett unten bot. Zuvor sahen wir unser erstes Känguruh in diesem Urlaub, das sich am Straßenrand etwas Gras genehmigte, aber nach einer Minute gegenseitigen Anstarrens in den Wald davonhüpfte.

Den nächsten Tag begannen wir mit einer Fährenüberfahrt nach Noosa North Shore. Die langgestreckte Halbinsel besteht eigentlich nur aus Strand, den man mit Allradfahrzeugen entlangkurven kann. Je nach Risikoneigung ist das wirklich sehr aufregend und macht bei der traumhaften Landschaft echt Spaß. Zumindest waren wir so lange begeistert, wie man noch ausreichend Platz zum Manövrieren hatte. Auf den letzten beiden Kilometern wurde der Weg aufgrund der Flut wahnsinnig eng, wobei diverse Steinbrocken und Baumstämme das Durchkommen zusätzlich erschwerten. Und es kam, wie es kommen musste: Plötzlich steckten wir fest. Die rechte Wagenhälfte war im 30 Zentimeter tiefen Meerwasser in eine nicht zu sehende Wasserrinne gesackt, links saß die Federung auf Steinen auf. Sofort stiegen Schreckensszenarien – von immensen Schadensersatzforderungen bis hin zum Abtreiben aufs Meer – vor unserem inneren Auge auf.

Wie sich herausstellte, waren die heimtückischen Steinbrocken aus Sandstein beschaffen, die man mit Hammer und Meisel nach und nach zerkleinern konnte. In unserem Fall waren es Hammer und Wagenheber, mit denen wir wie Archäologen mühsam den unteren Autoteil freilegten, dabei knietief im Meerwasser stehend. Finale Hilfe erreichte uns nach mehr als einer halben Stunde in Gestalt eines blonden Surfer-Jünglings, der Rumpelstilzchen dank ergiebiger 4WD-Erfahrung tatsächlich dazu bewegen konnte, einen Satz rückwärts zu machen und somit die Fahrt wieder aufzunehmen. Unsere Erleichterung kann man sich vorstellen.

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