Die Nacht ohne weitere Albträume durchgeschlafen, ging es weiter in Richtung New York City. Unser Hostel lag in Brooklyn. Das Navi gab als Ankunftszeit so etwa viertel vor Zwei an. Wir sind von oben über Manhattan reingefahren. Kaum waren die ersten kleineren Häuser zu sehen, war Lutz auch aus seinem Tiefschlaf erwacht. Vielleicht wäre es aber besser für ihn gewesen, wenn er weiter geschlafen hätte. Denn dieses Verkehrschaos auf der Insel war nicht so ganz das Richtige für seine Nerven. Ich muss aber dazu sagen, dass die Rushhour in Berlin ein Scheiß gegen diesen Verkehr ist. Das fängt schon an beim Losfahren an der Ampel. Wenn man es nicht auf die Reihe bekommt, innerhalb der ersten Zehntelsekunde, nachdem die Ampel auf grün gesprungen ist, loszufahren, hupen die Autos hinter einem schon wie wild los.

Eine Hupe ist in New York City eine Pflichtausstattung für jedes Auto. Die wird auch benutzt, wenn die Ampel zwar grün ist, man aber nicht losfahren kann, da sich vor einem vor lauter Stau nichts bewegt. Will man einen Bus auf seine Spur lassen, weil die offizielle Busspur von Autos als Parkplatz gesehen wird, bekommt man es auch mit der Hupe und dem dichten Auffahren des Hintermannes zu tun. Hier schenkt sich niemand etwas. Auch kennen die New Yorker scheinbar kein Reißverschlusssystem. Wird zum Beispiel von drei auf zwei Spuren verengt und man lässt ein anderes Auto rein, zwängen sich die anderen Autos ohne Rücksicht auf Verluste auch gleich mit rein. Da muss man schon ganz ordentlich aufpassen, in keinen Unfall verwickelt zu werden. Den Weg bis zu unsere Unterkunft haben Lutz und das Auto am Ende gut überstanden. Es war jetzt viertel nach drei. Wir sind nur durch die obere Hälfte von Manhattan gefahren und haben knapp eineinhalb Stunden Verzögerung gehabt. Alle Leute, die mit dem Auto täglich durch diesen Teil der Stadt fahren, müssen einfach nur die Ruhe weg haben oder laufen irgendwann Amok.

Wir haben uns daher auch entschieden, das U-Bahnnetz zu nutzen. Es geht schneller, ist entspannender, und es wird nicht im Sekundentakt von allen Seiten wie wild gehupt.

Wir sind auch gleich rein nach Manhattan und an der Grand Central Station ausgestiegen. Schließlich ist das die schönste Station in der Stadt. Von dort aus ging es überirdisch weiter in Richtung Times Square und Broadway, One World Trade Center, Wall Street und über die Brooklyn Bridge zu Fuß wieder zurück ins Hostel.

Auch wenn es nach diesem Fußmarsch schwer fiel, am nächsten Morgen aus dem Bett zu kommen, blieb einem nicht viel übrig. Es war Sonntag. Wir wollten um 11 Uhr nach Harlem in die Canaan Baptist Church of Christ zu einen Gottesdienst. Da diese auch mit die bekannteste Gospelkirche ist, waren wir nur bedingt verwundert, als wir eine ewig lange Schlange von Menschen davor stehen sahen. Der Pastor war gerade dabei allen zu erklären, dass alle Plätze schon voll sind und wir doch woanders hingehen sollten. Und da war es erst viertel nach zehn. Es war aber kein großes Problem, eine andere Gospelkirche zu finden, da es diese in Harlem im Überfluss gibt. Es war am Ende die Mount Olivet Baptist Church. Von den rund 500 Anwesenden waren nur einige wenige Gemeindemitglieder. Der Rest bestand aus Touristen. Das Thema an diesem Tag war „Frauentag“. Die ganze Veranstaltung an diesem Tag wurde ausschließlich von Frauen initiiert. Ihre Kleidung war dazu komplett in weiß. Ein pinkes Accessoire in Form eines Hutes oder Halstuches setzte einen farblichen Akzent. Auch wenn die Damen im Schnitt schon weit über siebzig waren, hatte man es ihren Stimmen nicht angehört.

Nachdem das Ganze vorbei war, haben wir uns von Harlem aus durch den Central Park in Richtung Empire State Building aufgemacht. Wir wollten schließlich nicht die letzten Sonnenstrahlen und das anschließende Lichtermeer über der Stadt verpassen.

Auf dem Rückweg ging es wieder mit der U-Bahn nach Brooklyn. Natürlich gibt es auch dort Leute, die von Waggon zu Waggon wandern, um etwas Geld zu bekommen. Doch es waren keine Verkäufer von Obdachlosenzeitungen oder Gitarrespieler. Hier sind es Tänzer, die den Platz in solchen U-Bahnen erkannt haben und diesen auch voll ausschöpfen. Es werden zuerst die Leute, die vereinzelt im Gang stehen, gebeten, etwas Platz zu machen. Danach wird die Musik auf dem Ghettoblaster eingeschaltet und los geht’s. Die Mitfahrer schauen hier nicht genervt weg, sondern klatschen und jubeln mit.

Am nächsten Morgen strahlte die Sonne ungehindert über die komplette Stadt. Da haben wir uns entschieden, die Stadt nicht nur vom Land aus zu bestaunen, sondern mit einer Fähre auch vom Wasser aus. Wir sind vom Hudson River aus einmal um die halbe Insel bis zur Wall Street gefahren und haben von dort aus uns auf den Weg in Richtung Chinatown gemacht. Dort haben wir in einem Park jede Menge Tische gesehen, um denen sehr viele Chinesen standen. An den Tischen wurden unterschiedliche Spiele gespielt. Das eine war so eine Art chinesisches Schach oder so. Steine wurden hin und her geschoben, es wurden die des Gegners eliminiert, und dazwischen wurde sich gegenseitig angemotzt. Was genau die gesagt haben, kann ich hier nicht schreiben, da ich leider kein Chinesisch spreche. Es war aber bestimmt ein Hauch Motzerei dabei.

Ein anderes Spiel war eine Art Mischung aus Poker und Black Jack. Auch nach mehreren Runden haben wir nicht genau erkennen können, warum wann jemand etwas gewonnen oder verloren hat.

Weiter ging es durch Little Italy und Soho in Richtung Fähre, die uns vorbei an der Freiheitsstatue am Pier 87 wieder rausgeschmissen hat. Von dort aus ging es auch gleich weiter in Richtung Williamsburg. Als wir dort durchgelaufen sind, hat es sich nicht mehr so angefühlt, als würde man in New York unterwegs sein. Die hupenden Autos fehlten, es kamen einem jede Menge Hipsters entgegen, und die Häuser waren auch alles andere als hoch. Es ist eine Mischung aus Berlin Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Bis auf die Ausnahme, dass man hier von den Einheimischen gefragt wird, ob sie einem helfen können, wenn man schon nur die Stadtkarte in der Hand hält.

Zurück im Hostel angekommen, hatte sich für das dritte freie Bett in unserem Zimmer auch endlich jemand gefunden. Es war ein Mädchen aus Belgien. Sie hatte eigentlich ein Mädchenzimmer gebucht und war daher etwas überrascht, als zwei Kerle abends hereinkamen. Scheinbar war sie von uns aber nicht allzu verschreckt, so dass sie es mit uns noch eine Nacht ausgehalten hat. Schließlich hieß es für uns am nächsten Morgen: „Goodbye New York“.

2 Beiträge zu “Die Waffe eines New Yorkers ist seine Hupe”

  1. Ich freue mich jetzt schon auf eure Performance bei unserer nächsten U-Bahnfahrt 🙂
    Das heitert bestimmt auch den traurig schauenden, gelben Vogel auf.

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